Fotograf: Thomas Senf

Portrait

Ines Papert

Ines Papert in wenigen Worten? Schwierig! Zu lang ist die Erfolgsliste der 1974 in Sachsen geborenen Profibergsteigerin. Und zu vielseitig ihre Tätigkeit, mit der sie zahlreiche andere Menschen inspiriert.

Ines Papert, Mutter von Sohn Emanuel, seit Jahren wohnhaft im Berchtesgadener Land in Bayern, kam im Alter von knapp 20 mit den Bergen in Berührung. Dann folgte Schlag auf Schlag: Die ausgebildete Physiotherapeutin wurde viermal Weltmeisterin im Eisklettern und mehrfache Weltcup-Siegerin. Beim Ouray-Eiskletterfestival 2005 schlug sie auch die gesamte männliche Konkurrenz.

Image: Ritter_der_Kokosnuss6 | Credit: Thomas Senf
Fotograf: Thomas Senf

Seit ihrem Rücktritt vom Wettkampfsport 2006 widmet sich die unglaublich talentierte und willensstarke Kletterin Erstbegehungen und Expeditionen in Fels und Eis. Die Ergebnisse sind beeindruckend: erwähnt seien die Erstbesteigung des Sechstausenders Likhu Chuli I in Nepal (2013), die freie Begehung von The Hurting, eine der schwierigsten Eis-Tradrouten der Welt (2015), oder im Fels die erste sowie erste freie Begehung der 300m Route Schwarze Madonna (8a) am heimischen Untersberg.

Ines‘ Mentalstärke und Muskelkraft sind legendär. Am Selbstvertrauen arbeitet sie beharrlich, die Fähigkeit zu fokussieren ist ihr naturgegeben, für die körperliche Verfassung trainiert sie extrem hart.

Zum Leben der musikalischen Kletterin gehört aber auch die Zeit für gute Freunde und gemütliche Stunden. Und sie hat stets ein offenes Ohr für junge Kletterer oder Menschen in Not.

Image: Ines_Papert_Canada | Credit: Paul Mc Sorely
Fotograf: Paul Mc Sorely

Dieser Freude am Teilen entspricht auch ihr Credo am Berg: Ihre Ziele möchte sie im von Freundschaft und Harmonie geprägten Team erreichen. Dabei legt sie keinen grossen Wert auf Damenbegehungen. Vielmehr möchte sie neue Linien finden, auch wenn das Risiko mitreist, es nicht zu schaffen.

So ist Ines Papert ständig auf der Suche nach Neuland – und verschiebt dabei immer wieder mit grossem Erfolg Grenzen.

Image: Patagonien3 | Credit: Franz Walter
Fotograf: Franz Walter

Ausführliches Portrait von Ines Papert

Eine schier ausweglose Situation. Da hängen sie, zu zweit, Ines Papert mit Seilgefährte Thomas Senf, irgendwo an einem Berg in Nepal: dem Likhu Chuli I, einem hohen Sechstausender. An dem Tag hätten sie aus der steilen Nordwand aussteigen sollen.

Doch fünf Meter, lächerliche fünf Meter unter der rettenden Kante ging gar nichts mehr: eine Wechte aus grundlosem Pulverschnee versperrte den Weg. Jeder Versuch, einen Durchgang zu finden, scheiterte kläglich. Und irgendwann kam die Dunkelheit und verdammte sie zu diesem fürchterlichen Biwak. Unbequem, ungewiss und unendlich kalt – aber vielleicht einfach auch der Preis für die hohe Messlatte, die sich Ines Papert bei ihrem Unterwegssein auferlegt.

Unberührte Linien finden, ethische Ansprüche einbringen. Seit rund 20 Jahren bestimmt Ines Papert die Massstäbe der hohen Schwierigkeitsgrade im Eis- und Mixedklettern aktiv mit. Begonnen hat sie als Wettkämpferin, nämlich als äusserst erfolgreiche Eiskletterathletin. Nach ihrem Rücktritt vom Wettkampf 2006 begann sie bald, in den Bergen nach neuen Linien zu suchen. Für sie zählte und zählt dabei nicht nur die Schwierigkeit, sondern auch eine ethisch vertretbare Annäherung: Sie versucht, ihre hohen Ansprüche an ihr Tun in Trad- oder Alpinstil-Begehungen hoher Wände umzusetzen. Diese moralische Messlatte wendet Ines auch im Alltag an: Sie engagiert sich sozial, hält Benefizveranstaltungen ab für in Not geratene Menschen und hat ein offenes Ohr für die Fragen und Probleme anderer. Vielleicht kommt dieses für sie selbstverständliche Engagement aus ihrer Rolle als allein erziehende Mutter: Für ihren Sohn Emanuel nimmt sich Ines viel Zeit; glücklich erzählt sie von gemeinsamen Reisen, Taten und Ausflügen!

Nacht ohne Ende. Zitternd vor Kälte harren Ines und Thomas auf ihrem klitzekleinen Vorsprung im Eis aus, die Zelthülle notdürftig über die Körper gestülpt, die Beine in den Schlafsäcken. Längst schauen sie nicht mehr auf die Uhr: Das erste Licht wird noch Stunden auf sich warten lassen. Und längst haben sie auch das Reden aufgegeben. Still hängt jeder seinen Gedanken nach. Ines ist sich bewusst, dass sie am nächsten Morgen den Ausstieg schaffen müssen – ein Rückzug durch die Wand ist mit einem allzu hohen Risiko verbunden. Aber wie der Ausstieg möglich ist, das ist ihr nicht klar. Ihre Leidenschaft fürs steile Eis hat sie dieses Mal in eine schwierige Situation manövriert. Ironie des Schicksals: sie, die aus der Ebene kam.

Image: Patagonien19 | Credit: Thomas Senf
Fotograf: Thomas Senf

Aufgewachsen in der Ebene, heimisch in den Bergen. Ines Papert wurde am 5. April 1974 in Sachsen geboren, weitab der Berge. Ihr Hauptinteresse in ihrer Jugend galt der Musik. Das änderte sich, als sie nach der Ausbildung zur Physiotherapeutin 1993 eine Stelle in einer Berchtesgadener Klinik annahm: Die Liebe für die Berge begann mit Wanderungen, Ski- und Biketouren. Schnell wurde das Gelände schwieriger – und aus den ersten Bergausflügen wurden anspruchsvolle Klettereien. Und bald kam die Leidenschaft fürs Eis dazu, die sich zu Ines‘ Paradedisziplin entwickeln sollte: dem Eisklettern. Die Materie Eis faszinierte sie bald mit Haut und Haaren: Sie entwickelte sich innert Kürze zur besten Wettkämpferin im Eis, wurde viermal Weltmeisterin und gewann dreimal den Gesamtweltcup! Und deklassierte dabei manchmal auch – wie am Ouray-Icefestival von 2005 – die versammelte männliche Konkurrenz. Bis heute gilt Ines Papert als die beste Eis- und Mixedkletterin der Welt: In dieser Disziplin setzt sie immer wieder Standards, etwa mit Wiederholungen der schwierigsten Routen bis M13 und noch immer nicht wiederholten Erstbegehungen bis M12. 2015 setzt sie mit bohrhakenfreien Begehungen von Ritter der Kokosnuss M12 und The Hurting XI/11 noch eins oben drauf. Sie ist weltweit eine der wenigen Profibergsteigerinnen.

Image: Ritter_der_Kokosnuss4 | Credit: Thomas Senf
Fotograf: Thomas Senf

Training und Vorträge, Kochen und Freunde. Damit Ines unterwegs den Kopf frei hat, auch für mental anspruchsvolle Routen, trainiert sie äusserst hart und konsequent. Ihre Muskelkraft ist legendär – und der Fokus ist ihr gegeben, aber auch an der mentalen Stärke arbeitet sie ständig. Doch sie reiht nicht nur Klimmzüge und Liegestützen aneinander: Ebenso wichtig sind ihr der Ausgleich, zu dem das Kochen gehört, gemütliche Stunden mit Freunden bei einem Glas Wein, das Pflegen ihres Netzwerkes. Und genauso ernst nimmt sie ihre Aufgabe als Profisportlerin beim Vermitteln ihrer Erlebnisse und gegenüber ihren Sponsoren: Sie hat Bücher publiziert und hält viele Vorträge – sowohl vor grossem Publikum im In- und Ausland als auch Business-Referate bei Firmen. Zu ihrem Weg und ihrer angeborenen Neugierde gehört, sich immer wieder mit Neuem zu befassen. So hat sie erst vor wenigen Jahren mit dem Gleitschirmfliegen begonnen und sich dazu in die Wetterkunde vertieft. Doch ihre grosse Liebe gilt immer noch dem Bergsteigen. Und dabei speziell dem Eis mit seinen fragilen Formen und Farben, flüchtig und faszinierend.

Schrecksekunden, Stundenzählen und Sonnenlicht. Plötzlich – ein Ruck und dann der Sturz: Völlig unerwartet fallen Ines und Thomas in die Tiefe. Endlose Sekunden vergehen, bis das Sicherungsseil endlich den Flug aufhält. Schockiert zieht sich Ines mit blossen Händen Zentimeter um Zentimeter am Seil hoch, zurück zum Biwakvorsprung. Dort versteht sie, was passiert ist: Durch die Wärme der Körper ist das Eis langsam abgeschmolzen, bis sie schliesslich von der runden Kante abgerutscht sind.

Zurück in der alten Position kommen wieder Zweifel auf: Werden sie es am nächsten Tag schaffen? Zum Glück ist die Erschöpfung grösser als die Angst. Trostlose, endlose Nacht. Minute um Minute, Sekunde um Sekunde vergeht. Und irgendwann ist es soweit: Das erste Licht kündigt den Morgen an. Ein neuer Tag beginnt.

Was er bringen wird? Das, was Ines Papert trotz solch schwieriger Momente immer wieder aufbrechen lässt: Neuland, einmal mehr.

Image: Patagonien42 | Credit: Thomas Senf
Fotograf: Thomas Senf